Von einem Morgen, der mich inne halten ließ…

Nicht immer schaffe ich es im Alltag, die Ordnung um uns herum zu schaffen, die mir lieb wäre und die mir auch ein beruhigendes Gefühl gibt. Und genau diese kleine Unordnung hat mir kürzlich eine wertvolle Erkenntnis geschenkt.

Wir stehen am Morgen im Bad, mein Kind auf dem Lernturm und ich noch im Schlafshirt neben ihm. Ich reiche ihm die Zahnbürste und beginne mein Zahnputzlied für ihn zu singen, doch an Zähneputzen ist für ihn gar nicht zu denken. Seine kleines neugieriges Wesen hat einen Tablettenblister auf der Badezimmerablage entdeckt und die Weckt sein Interesse.

Zugegeben stresst mich das ein wenig, denn ich möchte ja unsere Morgenroutine fortsetzten und bin in Gedanken vielleicht sogar schon einen oder zwei Schritte weiter. Wie so oft.

Aber mein Sohn, der sieht nur diesen funkelnden Blister, will ihn anfassen. Gestern lag er noch nicht dort. Was ist also dieses neue Etwas? Wie fühlt es sich an? Was macht man damit?

Mein Sohn ist genau in diesem Moment einfach im jetzt. Nicht, weil er mich ärgern will oder weil er noch nicht in unserer Routine angekommen ist, die wir gemeinsam aufgebaut haben. Sondern weil da etwas Neues seine Aufmerksamkeit jetzt hier und in diesem Augenblick erfordert. Weil die Welt, die für ihn ja noch immer so unfassbar neu ist und ihm da gerade eine kleine Entdeckung offenbart.

Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen ihm die Zahnbürste irgendwie doch schmackhaft zu machen und den Blister außer Reichweite zu bringen, um mein Ziel weiter zu verfolgen und im Bad fertig zu werden, halte ich inne.

Ich erkenne… zum einen, dass meine Unordnung diese Situation hervorgerufen hat. Denn ich weiß ja, dass Ablenkungen unsere Abläufe unterbrechen. Und zum anderen, dass mein Sohn mir da gerade etwas vorlebt, nach dem ich selbst so oft strebe.

Er ist einfach in der Gegenwart. In diesem kleinen Pusteblumenmoment, in dem er etwas Neues entdeckt und sich an etwas Kleinem erfreut. An einem Tablettenblister.

Ich lasse ihn also, gebe nach und nehme die Einladung an mit ihm gemeinsam einfach jetzt zu sein. Und ich nehme mir vor meine Augen und mein Herz offen zu halten für solche Augenblicke. Wenn wir beim Spaziergang nicht weiterkommen, weil wirklich jeder Grashalm wunderschön ist. Wenn er in der Küche mit der Einkaufstasche abhaut und schaut, was man sonst noch alles darin tragen kann und auch, wenn ich beim Spülen aus dem Küchenfenster schaue und sehe, wie sich ein kleiner Vogel ein paar Sonnenblumenkerne aus dem Vogelhäuschen in unserem Lorbeerbusch vernascht. Dann darf einfach für einen Moment nur: jetzt sein.


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